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Pensionskassen

wälzen Ertragsrisiken auf Mitarbeiter ab

 

12. Oktober 2010

 

Im Nachlauf zu der US - Finanz- und Wirtschaftskrise brechen die Erträge der betrieblichen Rentenkassen ein. Die Ertragsrisiken aus Altersvorsorgeverträgen wälzen die Unternehmen aber zunehmend auf die Mitarbeiter ab. Betroffene abhängig Beschäftigte von Arcandor packte häufig die kalte Wut, wenn sie die Telefonnummer

0 18 05 / 5 60 60 59

anwählten, und für 14 Cent pro Minute in einer der unzähligen Servicewarteschleifen landeten, mit denen viele deutsche Unternehmen ihre Kunden nerven. Doch die vorgenannte Nummer gehört dem Unternehmen Profectis. Wartezeiten sind da jedoch nicht mehr verwunderlich, denn das Unternehmen ist eine Tochter von Arcandor. Und der ehemalige Warenhaus- und Versandriese ist bekanntlich in Insolvenz gegangen. Deshalb standen selbst die Mitarbeiter von Profectis in einer langen Schlange, mit all denjenigen, die darauf warten, was Insolvenzverfahren noch so alles hervorzaubern könnte. Nicht nur die aktuell Beschäftigten des Arcandor - Konzerns fürchten nach wie vor um ihre Zukunft, sondern vor allem ehemalige Mitarbeiter, die nicht in Armut enden wollen.

Monatelang erhielten rund 1.500 Ex - Angestellte der insolventen Arcandor - Unternehmen Profectis, Itelium und Servicelogiq keine Betriebsrente mehr. Die offensichtlichen Managementfehler machen den Betroffenen schwer zu schaffen. Denn solange das Insolvenzverfahren noch nicht eröffnet wurde oder keine konkreten Zahlen auf dem Tisch lagen, konnte der

Pensions - Sicherungs - Verein

[ PSV ]

nicht einspringen. Der PSV springt bei allen Pleiten seiner 73.000 Unternehmen in die Bresche, die ihren Mitarbeitern eine Betriebsrente zugesichert haben und nicht mehr zahlen können. Im Fall Arcandor muss der PSV ebenfalls retten was zu retten ist, weil die Betriebsrenten der drei Arcandor - Töchter nicht vom Treuhandfonds des Konzerns abgedeckt waren. Auch anderen Unternehmen in unserer Heimat machen die US - Finanzkrise und Managementfehler bei ihren milliardenschweren Pensionsverpflichtungen derzeit schwer zu schaffen. Immerhin

17,5 Millionen Arbeitnehmer

in unserer Heimat haben ein Anrecht auf eine Betriebsrente. Lediglich 440 Milliarden Euro haben die Manager dafür zurückgelegt. Die Renditen sacken ab und knabbern am Vermögen der abhängig Beschäftigten. Nach vorliegenden Berechnungen fuhren allein die Pensionspläne der 30 Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex [ Dax ] schon 2008 ein Minus von 12,8 Milliarden Euro ein. Dies entspricht einem Verlust von mindestens 8% der angesparten Pensionsvermögen. Im Durchschnitt schafften deutsche Pensionskassen noch knapp 5% Ertrag im Jahr 2007. Durch das erste Krisenjahr 2008 sackte die Rendite ab. Die Höchster Pensionskasse schaffte gerade einmal 4,7%, die Pensionskasse des Bankgewerbes BVV erreichte 4,5%, und für die Bayer Pensionskasse blieb bei mageren 1,6 % hängen.

Die Vorgenannten gehören

zu den fünf größten deutschen Pensionskassen.

Das Kapital für die Altersvorsorge der Mitarbeiter verteilt sich, je nach Unternehmen, auf Pensionsfonds, Pensionskassen, Direktzusagen, Unterstützungskassen und Treuhandfonds, sogenannte

Contractual Trust Arrangements

[ CTA ].

Pensionsfonds unterstehen wie Pensionskassen der Versicherungsaufsicht, genießen aber größere Anlagefreiheiten und dürfen auch Tarife ohne Garantiezins anbieten. Bei Direktzusagen sichert das Unternehmen die Betriebsrenten über so genannte Rückstellungen in der Bilanz ab.

Viele dieser Pensionsrückstellungen sind inzwischen in undurchschaubaren CTA - Konstrukten ausgelagert und vermutlich nur mit fiktiven Vermögenswerten hinterlegt. Diese so genannten

CTA - Konstrukte

unterliegen keinerlei staatlichen Aufsicht mehr und genießen

völlige Anlagefreiheit“.

Unterstützungskassen sind rechtlich gesehen nur der verlängerte Arm eines Arbeitgebers, der die Betriebsrenten über Zuwendungen an die Kasse finanziert. Klassische Pensionskassen dagegen sind eigenständige Versicherungsvereine oder Aktiengesellschaften und funktionieren wie eine Lebensversicherung.

Sie garantieren bis heute noch eine stabile Verzinsung von 2,25%. Sie investieren schwerpunktmäßig in festverzinsliche Wertpapiere und dürfen eine maximale Anlagequote von 35% für alle Risikopapiere einschließlich Aktien nicht überschreiten.

Das schafft zumindest für die restlichen 65% der anzulegenden Gelder größere Sicherheit.

Welche Pensionskassen in Schieflage geraten sind oder könnten, verrät die BaFin traditionell nicht. Erfahrungsgemäß wäre es aber zu einfach, nur die US - Finanzkrise für die Probleme der betrieblichen Altersvorsorge verantwortlich zu machen, denn die Fehler der Manager machen einen großen Teil der Verluste aus. So musste zum Beispiel Siemens 2002 einen Milliardenbetrag in den eigenen Pensionsfonds nachschießen, als der Kurs der im Portfolio geparkten Aktien der ehemaligen Tochter Infineon abstürzte.

Nicht anders entwickelte sich die Lage bei Arcandor:

Im Betriebsrentenfonds klafft vermutlich eine größere Finanzlücke. Gemäß dem Gutachten der Unternehmensberatung PwC wurden 52% des Portfolios in Beteiligungen des eigenen Konzerns investiert;

also in die maroden Tochtergesellschaften.

Fehlendes Fingerspitzengefühl der Top - Manager, mangelndes Risiko- und Verantwortungsbewusstsein brachten die Pensionskassen in heftige Turbulenzen. Selbst wenn Pensionskassen auf dem

Papier

keine stillen Lasten mit sich herumschleppen, heißt dies nicht, dass keinerlei Verluste entstanden sind. Denn jede dritte Kasse unterließ es, per Ende 2008 eigentlich notwendige Abschreibungen durchzuführen. Das zwar nach dem Gesetz immer dann erlaubt ist, wenn die Papiere in der Bilanz im Langfristvermögen verbucht sind. Diese unselige Praktik verschleiert aber die tatsächliche Finanzlage. Vor allem die langlaufenden Namensschuldverschreibungen lassen sich kaum noch am Markt verscherbeln. Die involvierten Pensionskassen und Pensionsfonds müssen also darauf hoffen, dass die Schuldner bis zum Laufzeitende zahlungsfähig bleiben, denn diese Anleihen bergen dieselben Risiken, mit denen auch derzeit die privaten deutschen Lebensversicherungskonzerne schwer zu kämpfen haben.

Bekanntlich wird es in einer Niedrigzinsphase

für die Versorgungswerke immer schwerer, die Garantiezinsen

mit festverzinslichen Wertpapieren zu erwirtschaften.

Die garantierten 2,25% lassen sich noch gerade so erzielen. Doch weil aber viele Pensionskassen noch alte Verträge mit bis zu 4,0% Garantiezins bedienen müssen, wird es angesichts einer Rendite sicherer Staatspapiere von derzeit unter 3% langsam eng.

Hinzu kommt das unberechenbare Risiko, dass die regulierten Firmenpensionskassen bis zu 3,25% Garantiezins bei Neuverträgen ausgelobt haben. Immer häufiger tauchen in den Medien belastbare Informationen auf, die das Fließen von Schmiergeldern belegen, durch die die betriebliche Altersversorgung zusätzlich in die Schieflage geraten ist.

Auch hier war offensichtlich die Gier der handelnden Manager größer als die soziale Verantwortung für die anvertrauten Menschen.

 

 

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Stand: 12.10.2010

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