DRSB
Deutscher Rentenschutzbund e.V.
Redaktionsteam
Leitung:
Udo Johann Piasetzky • Hans - Josef Leiting • Heinrich Sternemann
Düsseldorf, den 30. August 2009
Das Wort am Sonntag
Der Irrglaube an exponentielles Wachstum
Zurzeit hört und liest man in den Medien, dass Politiker aus allen Parteien davon reden, dass sie viel lieber auf Horoskope, Tarotkarten oder Wetterfrösche gehört hätten, als auf die Vorhersagen einiger Wirtschaftsinstitute.
Denn der Irrglaube an ein exponentielles Wachstum war vermutlich der Auslöser dafür, dass die meisten Politiker für die deutsche Wirtschaft, Technik und Umwelt reihenweise folgenschwere Fehlentscheidungen trafen.
Alleine schon die ständige Fehleinschätzung, dass der Energieverbrauch sowie das Wirtschaftswachstum fest aneinander gekoppelt seien, musste zwangsläufig zur Vernichtung von tausenden Langzeitarbeitsplätzen führen.
Dabei sind diese Fehleinschätzungen zum Wirtschaftswachstum keine Erscheinung unserer heutigen Zeit.
Bereits 1978 erwartetet zum Beispiel das Energiewissenschaftliche Institut der Universität Köln bei einem exponentiellen Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 3% bis 4% jährlich ein Wachstum des Stromverbrauchs zwischen 4% bis 7% in der Spitze.
Jetzt wird den DRSB - Lesern klar, warum das Kernenergieprogramm der sozialliberalen Koalition auf der Fehlannahme beruhte, dass der Stromverbrauch in Deutschland jährlich um 7% hätte wachsen sollen.
Die Fehleinschätzungen in den Jahren 1971 bis 1975 lagen sogar noch wesentlich höher und hätten zu noch größeren politischen Fehlentscheidungen führen können.
Legt man lediglich zwischen 5% bis 6% Wachstum beim Stromverbrauch zugrunde, dann hätte bereits bis zum Jahr 2000 der Stromverbrauch auf rund 38% bis 40% steigen müssen.
Wie wir im Nachhinein wissen, war dies nicht der Fall, so dass der Unsinn des festen Glaubens an ein stetiges exponentielles Wachstum deutlich zu Tage tritt.
Ohnehin kann ein ewig
andauerndes Wachstum weltweit nicht stattfinden.
Selbst bei der völlig schwachsinnigen Annahme, dass es so etwas wie ein globales
„Wachstumswunder“
geben könnte, würden dadurch die Probleme der deutschen Volkswirtschaft nicht zu lösen sein.
Rein sachlich betrachtet ist das, was an Wirtschaftswachstum seit Jahren erzielt werden konnte, aufgrund der mittelständischen Industriestruktur das Maximum des Machbaren.
Trotz der politisch gewollten Behinderungen des Mittelstandes sowie der vielen kleineren Unternehmen, wird erfahrungsgemäß aller Voraussicht nach auch in der nahen Zukunft nicht wesentlich mehr zu erreichen sein.
Ein erkennbar
moderates „Weniger“ rückt eher in den Fokus der Realität.
Ein exponentielles Wachstum, wie es zwischen 1951 bis 1972 noch möglich war, wird es in Deutschland voraussichtlich nicht mehr geben können.
Das ständige „Auf“ und „Ab“ eines normalen Konjunkturverlaufes ist sowieso für ein exponentielles Wachstumserwarten ohne jede Bedeutung.
Betrachtet man die Wachstumsraten der zurückliegenden 20 Jahre und vergleicht sie mit der Entwicklung der stetig ansteigenden Arbeitslosigkeit, muss man feststellen, dass das wirtschaftliche Wachstum keinerlei positive Auswirkungen für Langzeitarbeitsplätze hatte.
Die vor der anstehenden Bundestagswahl erneut aufflackernden Diskussionen um die so genannte
„Wachstumsschwäche“
und die dadurch ausgelösten vielen Gutachten von vermeintlich „Wissenden“ liegen erfahrungsgemäß schon vor ihrer Veröffentlichung neben dem Ziel.
Die deutsche Volkswirtschaft hat seit 1956 bis heute die mittelständisch geprägte Struktur nicht verlassen und ist unbeirrbar, trotz regelmäßig erschwerter Weltwirtschaftsbedingungen, ihren sicheren Weg gegangen.
Das negative Beispiel der Briten zeigt, dass der so genannte
„Thatcherismus“
den wirtschaftlichen Niedergang unaufhaltsam eingeleitet hat.
Der DRSB e.V. hat über das Ursachen- und Wirkungsprinzip mehrfach ausführlich berichtet.
Wenn also heute in Groß Britannien seit Jahren ansteigende Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und stetig sinkende Einkommen der Bevölkerung mit zunehmender Flächenarmut das Bild vom Niedergang des britischen Empire prägen, dann kann man die Schuld an dieser prekären Entwicklung nicht einem zu geringen Wachstum in die Schuhe schieben.
Vielmehr ist diese
„britische Krankheit“
auf eine Vielzahl von politischen Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen zurück zu führen.
Die vorsätzliche Torpedierung der britischen Industrie durch den
„Thatcherismus“
sowie der damit verbundene nachhaltige Abbau von Langzeitarbeitsplätzen fordert in der heutigen Krisensituation seinen bitteren Tribut.
Die Kaufkraftverluste der Briten sowie die stetig abnehmenden Steuereinnahmen des Staates zwingen dazu, dass Zukunftsinvestitionen in Kindergärten, Schulen und Universitäten schon seit 10 Jahren zurückgestellt werden müssen und Gelder für andere öffentliche Vorhaben überhaupt nicht mehr vorhanden sind.
Ergo werden weder im öffentlichen Nah- und Fernverkehr noch in anderen öffentlichen Einrichtungen sichere Arbeitsplätze zu schaffen sein.
Der möglicherweise tragfähige britische Mittelstand wurde mit den fragwürdigen Methoden von Professor Friedman [ Chicagoer Schule ] mit Stumpf und Stiel ausgerottet und fällt als Träger für Langzeitarbeitsplätze total aus.
Arbeitslosigkeit, Pleiten der öffentlichen Hand
sowie explodierende
soziale Ungleichheit
kennzeichnen die Wirtschaftskrise bei den Briten. Selbst eine kaum zu erwartende Verdoppelung des Sozialproduktes könnte dem britischen Empire in der total verfahrenen heutigen Lage nicht mehr helfen.
„Hinterher weiß man immer mehr“,
werden jetzt in Deutschland womöglich sinnentfremdete, realitätsferne Professoren sagen.
Doch gerade diese Protagonisten des
„Besserwissens“ und „Besserkönnens“
haben dafür gesorgt, dass in Deutschland vergleichbare Prozesse wie in Groß Britannien eingeleitet wurden.
Denn durch überflüssige, unsinnige Gesetze, Verordnungen und daraus resultierenden Strafgeldern versucht man seit 1998 den deutschen Mittelstand in die Knie zu zwingen.
Viele Ursachen kommen hier zusammen, die zunächst den direkt Betroffenen als unabänderlicher politischer Wille erscheinen muss und die nach wie vor Langzeitarbeitsplätze gefährden und vernichten.
Aber,
sind diese politischen Vorgänge wirklich unabänderlich?
Ist jede Hoffnung auf Besserung vergeblich?
Ganz sicher nicht!
Globaler Welt- oder Freihandel werden auch in Zukunft das Anwachsen von Langzeitarbeitsplätzen nicht wesentlich fördern können.
Und auch die durchgeknallten
Finanzgurus,
die in den USA den weltweiten Krisen - Tsunami auslösten, werden nur wenig zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in Deutschland beitragen.
Schon eher das genaue Gegenteil dürfte der Regelfall sein.
Ein Wachstum des Sozialproduktes ist nicht gleichzeitig identisch mit der Zunahme des Wohlstands für die Deutschen.
Auch die oftmals beschworene
„Rückkehr zur Vollbeschäftigung“
wird für deutsche Politiker ein [ Alb- ] Traum bleiben müssen. Solche Floskeln von einigen Politikern sind ausschließlich nur
„Opium für gutgläubige Bürger“.
Was aber kann sofort und nachhaltig helfen?
Undifferenziertes Wachstum, wie zum Beispiel das Anfeuern der Automobilindustrie durch die so genannte Abwrackprämie, erhöhen oder stabilisieren zwar kurzfristig das
Sozialprodukt, wirken aber langfristig eher äußert kontraproduktiv. Schon das nächste Jahr wird diesen wirtschaftspolitischen Unsinn schonungslos entlarven, obwohl sich in diesem Jahr viele Bürger über ein neues Auto noch freuen durften.
Auch kräftig in die Hände spucken, um das „Bruttosozialprodukt“ zu erhöhen, würde zwar die Produktivität anheben, kann aber nicht für sichere Arbeitsplätze sorgen.
Die Folgerung aus den praktischen Erfahrungen und den empirischen Daten kann eigentlich nur bedeuten, dass der deutsche Mittelstand durch die zeitnahe Rücknahme von unsinnigen und behindernden Gesetzen und Verordnungen befreit wird, um ihn dadurch wieder leistungsfähiger zu gestalten.
Dabei sollten die Kernprobleme der Konjunktur nicht Beiseite geschoben werden, denn die stabile Kaufkraft der Bevölkerung beeinflusst auch das Sozialprodukt.
Denn seit 1951 befindet sich die deutsche Volkswirtschaft unbeirrbar auf einem erfolgreichen Wachstumskurs, der selbst durch Wirtschaftskrisen nicht zu bremsen war.
Der Garant dafür waren bis heute die steuerzahlenden mittelständische Unternehmen, die darüber hinaus 74% aller Arbeitnehmer beschäftigen und rund 85% der Lehrlinge in Deutschland ausbilden.
Ein stetiges exponentielles Wachstum mit hohen jährlichen Steigerungsraten, wie nach dem zweiten Weltkrieg, wird voraussichtlich nicht mehr möglich sein.
Ein nutzmehrendes deutsche Wirtschaftssystem, dass den Bürgern dauerhaften
Wohlstand
sichern könnte, haben wir seit 1951 in Deutschland.
Wir brauchen es nur wieder pfleglicher zu behandeln.
DRSB
Wir kämpfen seit 21 Jahren mit der Stimme der Demokratie
für
einen modernen Sozialstaat,
sichere, langfristige Arbeitsplätze,
sinnvolle, gerechte und lernfähige Rentensysteme,
sichere, gerechte und leistungsfähige Sozialsysteme,
und für
korruptionsfreie Demokratie in Deutschland und der EU.