DRSB
Deutscher Rentenschutzbund e.V.
Redaktionsteam
Leitung:
Udo Johann Piasetzky • Hans - Josef Leiting • Heinrich Sternemann
Düsseldorf, den 27. September 2009
Das Wort am Sonntag
„Geh nicht hin“ - „Scheiß auf die Wahl“
War der skandalträchtige Appell im Internet ernst gemeint?
In der 30. Kalenderwoche 2009 - genau fünf Wochen vor der Bundestagswahl - riefen im Internet einige vermeintliche Prominente dazu auf, nicht zur Wahl zu gehen.
War der Apell eine neue Form der Satire?
Ist der skandalträchtige Apell tatsächlich „nur“ harmlos?
Was steckte wirklich hinter dieser skurrilen Aktion?
Das sind die häufigsten Fragen zu der Internet - Aktion, die sich sie Bürger stellen. Denn noch deutlicher kann man einen Aufruf zum Nichtwählen nicht verfassen.
Auf der Internetplattform
YouTube
lief der circa 1,10 Minuten lange Spot, in dem sich vermeintlich Prominente wie
Sarah Kuttner, Bernhard Brink
und sogar der seriöse
Jan Hofer
durchaus überzeugend dazu bekannten, dass sie bei der heutigen Bundestagswahl ihr Stimmrecht nicht ausüben werden.
Zitat Bernhard Brink:
„Ich scheiß' auf die Wahl“
Zitat Ende.
Selbst der aus einem James Bond Film bekannte Schauspieler
Claude - Oliver Rudolph,
der die Politiker in dem Spot pauschal als Versager bezeichnet, kommt in seiner Darstellung glaubwürdig rüber, die die üblichen Stammtisch - Vorurteile gegenüber der Politik widerspiegeln.
Obwohl relativ schnell die meisten deutschen Medien den skandalträchtigen Appell als „völlig“ harmlos und als Kopie einer Kampagne, die im Vorjahr in den USA lief, darstellen wollten, schlug der dubiose Vorgang erhebliche Wellen.
Denn die vermeintlich satirische Pointe bemerken die meisten oberflächlichen Seher nicht und verpassen in der Regel die am Ende dialektisch gedrehte Aussage:
„Geh wählen“.
Diese Erfahrung mussten die Macher des Originals aus den USA auch über sich ergehen lassen, die im zurückliegenden US - Wahlkampf tatsächlich bekannte Prominente wie zum Beispiel
Jennifer Aniston, Leonardo Di Caprio
sowie
Dustin Hofman, Steven Spielberg und Will Smith
mit einem vergleichbaren Apell ins Rennen schickten.
Möglicherweise haben die deutschen Macher die Botschaft in dem amerikanischen Videoclip falsch gedeutet.
Dieser schwenkt unironisch ab der Mitte des Films deutlich erkennbar um und rief alle Amerikaner dazu auf, sich als Wähler registrieren zu lassen.
Vermutlich sollte auch die nahezu „billig“ wirkende deutsche Kopie so enden wie das Original.
Die am 28. Juli 2009 von der TV - Produktionsfirma
„Pro Bono“
offiziell vorgestellte Kampagne konnte die möglicherweise dahinter stehende Idee des Journalisten
Friedrich Küppersbusch
und der Politik - Plattform „politik-digital.de“, bis heute nicht verständlich transportieren.
Möglicherweise gut gemeint - aber völlig misslungen.
Der Kampf gegen die stetig wachsende Wahlmüdigkeit, den der Verein von politik-digital betreiben möchte, zeigt erneut, wie weit sich die Politik von der Bevölkerung schon entfernt haben muss.
Selbst der lustige Name
pol-di.net
dürfte letztendlich nur vielen Kölnern [ FC - Fans von Lukas Podolski ] recht gut gefallen.
Kommt die vielleicht „liebgemeinte“ Pointe zu spät?
In den USA wurde der „riesige Spaß“ rechtzeitig aufgelöst, denn im Verlauf des Videos nennen die Akteure ihre wahren Gründe, warum sich Wählen in einer Demokratie lohnen soll.
Die deutsche Billigkopie der US - Kampagne zur Obamawahl ist weder kluges Marketing und noch stellt sie Hilfe zur Verfügung, im Gegensatz zum berühmten
„Don't vote“ - Video,
in dem erstklassige Hollywood - Prominente überzeugend auftraten.
Es ist deshalb von großem Nutzen, sich einmal intensiv mit echten Nichtwählern auseinander zu setzen.
Wer sind sie und was treibt diese Bürger dazu?
Gemäß der viele Untersuchungen von politischen Meinungsbefragern handelt es sich vor allem um jüngere Menschen, die das Gefühl haben, dass die Parteien ohnehin nur das machen, was sie wollen.
Wenige Bürger haben es wahrscheinlich bis heute mitbekommen, aber eine imaginäre
„Nichtwähler - Partei“
würde auf Anhieb den dritten Platz unter den deutschen Parteien erobern können.
Einige seriöse Parteiforscher befürchten sogar, dass die „Partei der Nichtwähler“ die vermutlich in Auflösung befindliche SPD vom zweiten Platz verdrängen könnte.
Gott sei Dank - aus der Sicht der christlich orientierten Parteien - wurde vom Bundeswahlausschuß eine
„Nichtwähler - Partei“
zur Bundestagswahl 2009 nicht zugelassen.
Womöglich würden einer solchen Partei die erforderlichen
2000 Unterstützer - Unterschriften je Landesliste
fehlen, so dass auch in der Zukunft davon auszugehen ist, dass die
„Nichtwähler - Partei“
lediglich ein Angstgespenst für die etablierten Parteien bleiben wird.
Was passiert aber, wenn in
allen Bundesländern diese imaginäre Partei die Zustimmung von
2000 Bürgern erhalten würde?
Wer steht hinter der Front der Wahlenthalter?
Fordern diese Bürger etwa die Einführung von
Basisdemokratie durch Volksbegehren und Volksabstimmungen?
Bekanntlich blieb bei der Bundestagswahl im Jahr 2005 jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland zu Hause oder machte mit der Familie einen Sonntagsausflug.
In der heutigen Wahl stellt höchstwahrscheinlich diese Gruppe der Nichtwähler erneut eine unberechenbare Größe dar.
Seit 1989 differenziert der DRSB e.V. zwischen neun identifizierbaren
Wahlenthaltern.
Wir sprechen hier immerhin von
11 bis 14 Millionen Bürgern,
die natürlich für jede demokratische Partei eine besondere Herausforderung darstellen, die man bis heute nicht meistern konnte.
Ist Wahlenthaltung der Ausdruck von Politikverdrossenheit?
Gibt es Rückkehrer - und wenn ja, wie viele?
Die Studienergebnisse des DRSB e.V. zeigen völlig unterschiedliche Gründe für eine Wahlenthaltung auf.
Politikverdrossenheit, Parteiverdrossenheit
und
Systemunzufriedenheit
stehen dabei mit Abstand vor der großen Angst der Parteien vor einem vollkommenen
Vertrauensverlust,
denn an der Basis der Bevölkerung versuchen täglich verantwortungsbewusste Bürger ihr Bestes zu geben.
Das schafft Vertrauen, das den so genannten Top - Politikern in Bund und Ländern zunehmend abhanden kommt.
Klammert man die Problemzone der bis zu 4%
„technischen Nichtwähler“
aus, die wegen eines Umzugs oder anderer Gründe schwer erreichbar bleiben, dann sind es noch weitere rund 2%, die wegen einer plötzlicher Erkrankung oder anderen Unpässlichkeiten den Wahlurnen fern bleiben.
Lediglich geschätzte 5% der Wahlberechtigten sind womöglich echte
„Nichtwähler“
und verweigern aus religiösen Gründen - wie zum Beispiel die Zeugen Jehovas - oder aus ideologischer Verblendung, weil sie eine parlamentarische Demokratie rundherum ablehnen, den Gang zur Wahlurne.
Dass die notorischen Nichtwähler zum überwiegenden Teil aus sozial schwachen Schichten oder gesellschaftlichen Randgruppen stammen und über wenig Bildung verfügen wurde bereits von seriösen Wissenschaftlern vor Jahren widerlegt.
Es ist schon eher zu beobachten, dass eine stetig größer werdende Gruppe aus Gründen des sozialen Abstiegs zu einer Art von
„wirtschaftspolitischer Nichtwähler“
mutiert und sich Mehrheitlich aus der so genannten „heißgeliebten Mitte“ rekrutieren.
Selbst erfahrene Parteienforscher, wie zum Beispiel
Jürgen Falter oder Harald Schoen
stehen vor dem schwer lösbaren Phänomen, dass sie von vielen Bürgern bewusst fehlinformiert werden.
Die oftmals abgegebenen Prognosen weichen womöglich deshalb seit den letzten Bundestagswahlen immer erheblicher von den tatsächlich erzielbaren Ergebnissen ab.
Besonders schwer einschätzbar ist das Verhalten der Wähler im Osten. Viele waren von der CDU, SPD, FDP und Bündnis 90 / Die Grünen begeistert und kehrten der damaligen SED / PDS den Rücken.
Nachdem man feststellen musste, dass in vielen Fällen Schlüsselpositionen sofort von Westdeutschen besetzt wurden und die blumigen Versprechungen in Armut endeten, schlägt nun das Pendel wieder zur neu formierten Linken, die ohne ihre kommunistische Plattform [ Sarah Wagenknecht ] wesentlich glaubwürdiger sein könnte und dadurch noch wesentlich mehr Stimmen erhalten würde.
Vollkommen politisch desinteressierte Bürger sind eher eine kleinere Randgruppe die einmal ab- und ein anderes Mal wieder zunimmt.
Ausgeprägte, saturierte Karrieretypen sogenannte
Roller - Blader oder Gierjunkies
interessiert hauptsächlich ihr gesellschaftliches Fortkommen, so dass für eine politische Arbeit oder gar eine engere Parteienbindung kaum Raum verbleit.
Ohnehin sind in dieser Nichtwählergruppe die meisten Menschen zu finden, die verbindende staatsbürgerliche Pflichten für lästig und unwichtig halten, weil eine fiktive Weltregierung für sie die ideale Lösung darstellt [ Auch das erklärte Ziel der Organisation der Bilderberger ].
Den größten Zuwachs an Wahlenthaltern verzeichnen von der Politik enttäuschte Arbeiter und Angestellte, die durch Gesetzesänderungen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt wurden und heutzutage ihren Arbeitsplatz verloren haben. Diese vorläufig politisch Inaktiven suchen nach neuen Alternativen und Führungspersönlichkeiten zu denen man wiederaufschauen und Vertrauen fassen könnte.
In Ausnahmefällen beteiligen sie sich vermehrt an Demonstrationen oder unterstützen punktuell Bürgerinitiativen.
Eine durch Überzeugung geprägte politische Heimat haben diese Systementtäuschten nicht mehr.
Dass diese wachsenden Enttäuschungen und Wut reiner gesellschaftlicher Sprengstoff sind, lässt sich inzwischen problemlos in so genannten „BLOGS“ im Internet ablesen. Viele Bürger nutzen dabei gerne den Schutz der Anonymität und machen sich dort frei von ihrem Zorn über die politischen Eliten.
Die DRSB e.V. - Serie
„Dampf ablassen“
[ Das demokratische soziale Ventil ]
ist ebenfalls dafür der beste Beweis.
Der verunglückte Appell im Internet
„Geh nicht hin“ - „Scheiß auf die Wahl“
ist deshalb im höchsten Maße Kontraproduktiv und spiegelt ernüchternd die gigantische Unwissenheit der Mächtigen in Berlin über die tatsächlichen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen in unserer Heimat.
Bedauerlicher Weise haben viele Menschen in unserer Heimat das Gefühl vor jeder Wahl nur als vermeintlich „mündiger“ Bürger umgarnt zu werden, um dann nach der Wahl, als missbrauchtes Stimmvieh wieder mit neuen Steuern und Abgaben geschröpft zu werden.
Dagegen hilft nur der gezielte Einsatz jeder Wählerstimme.
Deshalb der eindeutige Apell des DRSB e.V. an alle aktuellen und zukünftigen Rentenbezieher:
„Kritisch hinschauen, vergleichen und Wählen gehen“.
DRSB
Wir kämpfen seit 21 Jahren mit der Stimme der Demokratie
für
einen modernen Sozialstaat,
sichere, langfristige Arbeitsplätze,
sinnvolle, gerechte und lernfähige Rentensysteme,
sichere, gerechte und leistungsfähige Sozialsysteme,
und für
korruptionsfreie Demokratie in Deutschland und der EU.