DRSB
Deutscher Rentenschutzbund e.V.
Redaktionsteam
Leitung:
Udo Johann Piasetzky • Hans - Josef Leiting • Heinrich Sternemann
Düsseldorf, den 23. August 2009
Das Wort am Sonntag
Fluchtpunkt Tertiarisierung
Vor jeder Wahl steigt die Nervosität in den Reihen der demokratischen deutschen Parteien.
Der 27. September 2009 rückt unaufhaltsam näher und legt täglich offen, wie verzweifelt die Politiker in Berlin nach dem bekannten „Rettungs - Strohhalm“ suchen.
Eigentlich verspricht jeder Politiker, dass er nur das „BESTE“ für die Bürger im Parlament umsetzen möchte.
Die Frage ist nur:
Warum tun sie es denn nicht?
Wer hindert unsere Politiker daran?
Nach dem Schock der US - Finanzkrise, nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Automobilindustrie, dem gemeinsamen Geldvernichten mit amerikanischen Fondssystemen und nach dem Begreifen des Madoff - Desasters, suchen die deutschen Wahlkämpfer nach Perspektiven des gesellschaftlichen Wandels.
Vergleicht man nach dem US - Finanzdebakel Deutschland mit den USA, dem vermeintlichen
„Vorzeigeland“ der globalen Dienstleistungsgesellschaft,
so ergeben sich oberflächlich betrachtet überraschenderweise kaum noch gravierende Unterschiede.
Deutschland sowie auch die USA verzeichneten bereits seit Jahren einen wachsenden Anteil der Dienstleistungstätigkeiten, der in den USA die kritische Marke von 75% bereits vor zwei Jahren übersprungen hat.
Die erkennbaren Unterschiede zwischen Deutschland und den USA bestehen also nicht darin, dass in Deutschland noch eine große Lücke bei den Dienstleistungen bestünde, sondern darin, dass der Prozess des so genannten
Outsourcing von Dienstleistungsfunktionen
in den USA viel weiter fortgeschritten ist. Aus der Sicht der amerikanischen Topmanager, Investment - Banken und Fondsgesellschaften ist das eine Notwendigkeit, denn mit jedem Outsourcing wurden Langzeitarbeitsplätze in Billiglohnländer verschoben oder in die Sklavenhaltung von prekären unterbezahlten Job, wie zum Beispiel der Leiharbeit.
Seriöse Wirtschaftwissenschaftler warnen davor, dass die gesellschaftliche Struktur jeden Staates dadurch gesprengt wird, denn jede Dienstleistung, die aus dem Industriesektor ausgegliedert wird, erhöht das Gewicht des Dienstleistungssektors gegenüber der Industrie.
Bis zur Jahrtausendwende wurden in Deutschland recht viele Dienstleistungsfunktionen noch innerhalb der Industrieunternehmen verrichtet, weshalb der Anteil der Industriebeschäftigung verhältnismäßig groß war.
Rein statistisch betrachtet leiteten einige vermutlich SINN - ENTFREMDETE Professoren daraus ab, dass der Dienstleistungssektor noch ein riesiges Wachstumsfeld sei und entwickelten das falsche Bild von einer gesunden Tertiarisierung der deutschen Wirtschaft.
Einmal abgesehen von gewissen „SINN - ENTLEERUNGEN“ in bestimmten so dargestellten Wirtschaftsinstituten, bewirkte das Vordringen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien eine Flächenausbreitung von Dienstleistungsaktivitäten. Diese durchdrangen in einem gesunden Verhältnis wirtschaftliche Prozesse und Strukturen und schufen zunächst stabile neue Arbeitsplätze.
Auch im Industriebereich der Endmontage suchten sich Dienstleistungen einen Raum, so dass die rein materielle Produktion eine immer geringere Rolle für den Wert der gesamtwirtschaftlichen Produktionsleistung spielen konnte.
Die Bedeutung von immateriellen Komponenten wurde dabei von den Medien gezielt nach vorne geschrieben, so dass für die meisten Bürger der Eindruck entstehen musste, dass die Informationsverarbeitung und das reine Wissen die Grundlage aller Wertschöpfungsprozesse darstellt.
Eine fatale Fehlannahme wie der Bereich der Freizeit- und Tourismusbranche heute zeigt. Lange Jahre galten die Freizeit- und Tourismuskonzerne als Gewinner des globalen Marktes, bis sich durch die US - Finanzkrise auch in Deutschland herausschälte, dass Freizeit und Tourismus eine reine Luxusangelegenheit ist.
Alleine der „globale“ Informationsblick in so genannte Billiglohnländer hätte gereicht, um feststellen zu können, dass die Mehrzahl der dort arbeitenden Menschen
kaum Freizeit haben und sich keinerlei Tourismus leisten können.
Denn das Massenphänomen einer boomenden Freizeit- und Tourismusbranche ist die abhängig von den hohen Masseneinkommen in wenigen industriellen Kernländer Westeuropas.
Wenn aber durch 1 Euro Jobs, Zeitverträgen oder durch Leiharbeit Einkommen rapide zurückgehen und häufig völlig wegbrechen, steht auch der so genannte
Massentourismus
vor dem baldigen Zusammenbruch. In der deutschen Freizeit- und Tourismusbranche werden in den nächsten Jahren die Umsatzzahlen nur so wegkrachen, wenn nicht ein neuer industrieller Boom in Deutschland kommt, der aber kurzfristig nicht zu erwarten sein dürfte.
Schon in den jetzigen Sommerferien zeichnet sich eine Art Krisentourismus ab, der dadurch ausgelöst wurde, dass die Bürger schon auf das noch Machbare zurückgreifen und wieder Urlaub im eigenen Land oder zuhause machen.
Auch dadurch findet zurzeit eine nicht politisch gewollte
Tertiarisierung
der deutschen Wirtschaft statt.
Ausgelöst durch die Reformpolitik von SPD und Bündnis 90 / Die Grünen in den Jahren 1998 bis 2005 schwollen die Anteile von Dienstleistungen in den gesamtwirtschaftlichen Prozessen überproportional an. Das deutlich erkennbare Vordringen tertiärer Aktivitäten in allen wirtschaftlichen Herstellungsprozessen sowie das damit häufig verbundene Auslagern von Produktionsbetrieben in Billiglohnländer förderte die Vernichtung von Langzeitarbeitsplätzen sowie die Flächenarmut.
In der heutige Krise zeigt sich, dass die Versprechen der neoliberalen Politiker, die das
Wissen und die Information mit einer stark steigenden Bedeutung für die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung sahen und als so genannten
vierten Produktionsfaktor,
neben der Arbeit, dem Kapital und dem Boden hochjubelten, die reinste Augenwischerei war.
Bedauerlicherweise liegt der Anteil der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung in Westeuropa zwischen 60% bis 70%.
Bedingt durch die systematische Vernichtung von Industriearbeitsplätzen überschoss der Anteil der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung in den USA sogar die 75% Marke und schlägt sich mit allen Negativvorzeichen bei den noch erwerbstätigen
US - Bürgern nieder.
Sie sind die eigentlichen Verlierer der Geldgier von Investmentbanken, Hedgefondsgesellschaften und Cashburnern wie dem Finanzguru Madoff.
Dadurch ist auch die Hoffnung bei deutschen Politikern geschwunden, dass die strukturelle deutsche Wirtschaftskrise lediglich den
Casino - Kapitalismus
betrifft und dass die Beschäftigten aus der Automobilindustrie oder aus dem Einzelhandel in den tertiären Sektoren der Dienstleistungen umgeschichtet werden können.
Eine nutzmehrende Lösung
des Problems rückt damit in weite Ferne.
Das hängt direkt mit dem wirtschaftlichen Charakter dieser Sektoren zusammen.
Denn die kommerziellen Dienstleistungen stellen teilweise gar keinen eigenständigen Sektor der Kapitalakkumulation dar.
Rein sachlich betrachtet bleiben sie, trotz formeller Selbständigkeit, kapitalistisch unproduktiv und müssen immer aus einem zu erwirtschaftenden industriellen Mehrwert alimentiert werden.
Trotzdem halten große deutsche Konzerne noch immer daran fest, Produktionsanlagen ins Ausland auszulagern. Selbst von den Gewerkschaftsvertretern in den Aufsichtsräten werden die höchstwahrscheinlich grob volksschädlich agierenden Topmanager nicht daran gehindert.
Auf diese Weise kann der Unterschied zwischen der objektiven nutzmehrenden Wahrnehmung und subjektiven schädlichen Handeln nicht mehr positiv beeinflussend wirken, so dass vermutlich auch die Fähigkeit schwindet, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Verantwortlichkeit dafür überhaupt noch intellektuell zu reflektieren.
Gleiches trifft möglicherweise auf eine große Anzahl der Berliner Politiker zu, die den tertiären Sektor noch immer als Ausweichmöglichkeit in Betracht ziehen wollen.
Besonders die SPDler
Nahles, Müntefering, Steinmeier, Gabriel, Heil und Steinbrück
verdrängen offensichtlich die außerordentlichen Kostenbelastungen einer Tertiarisierung für die reelle Kapitalakkumulation, soweit man hier überhaupt von einer tatsächlichen Wertschöpfung sprechen kann.
Denn nicht auf der sozialen Ebene von Wohlstandsmehrung für die Bürger wird eine Umschichtung der Beschäftigung in den tertiären Sektor ausgelöst, sondern durch die zu erwartenden Steigerungen der Weltmarktgewinne.
Aber überall dort, wo der Prozess der Tertiarisierung weit fortgeschritten ist, kann die flächendeckende Infrastruktur ohne Ankündigung zusammenbrechen.
Und die entsprechenden Anteile der Arbeitskräfte, die bisher dort absorbiert wurden, werden ebenfalls den bitteren Weg in Arbeitslosigkeit gehen müssen [ siehe das PIN - Debakel ].
Sollen das die Perspektiven des gesellschaftlichen Wandels sein von denen die Protagonisten von Bündnis 90 / Die Grünen gerne erzählen?
Oftmals war morgen schon
das Gegenteil von heute bei ihnen die neue Wahrheit.
Die Gesellschaft, so hieß es noch vor kurzer Zeit, entwickle sich in einer historischen Transformation vom primären Agrarsektor über den sekundären Industriesektor zum tertiären Dienstleistungssektor.
Entsprechend wollten
Bündnis 90 / Die Grünen
die Beschäftigung der Bürger allmählich umschichten.
Gemäß den Aussagen der Grünen Frontleute sei so etwas vor allem in den Anfängen mit schmerzhaften Strukturbrüchen verbunden, aber zuletzt komme dabei eine neue
Vollbeschäftigung
und säkulare Prosperität heraus.
Das Marktgeschehen wiederlegt
schon seit dem Beginn der rot / grünen Regierungskoalition diese obsolete ökonomisch - soziologische Traumland - Theorie.
Es entsteht ganz im Gegenteil den Anschein, als sei die deutsche Tertiarisierung mit einem weltweiten ökonomischen Schrumpfungs- und Krisenprozess eng verbunden.
Es ist gerade das Scheitern der nachholenden Tertiarisierung, das eine nach Maßstäben der grünen Theorie von der prosperierenden Entwicklung paradoxe Situation hervorbrachte:
Einerseits wurde ein zunehmend größer werdender Teil der Bevölkerung auf eine primitive und sklavische Arbeitsform zurückgeworfen, andererseits entstand eine monströs anschwellende massenhafte
Elends - Tertiarisierung.
Diese Elends - Tertiarisierung hat einen entscheidenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Makel:
Sie ist im höchsten Maße kapitalistisch unproduktiv und kann auch keinen kommerziellen Wachstumsschub bilden, sondern ist darauf angewiesen durch staatliche Abschöpfung alimentiert und größtenteils in der Form öffentlicher Dienste organisiert zu werden.
Glaubt man den seriösen Volkswirten dann passt so etwas nicht zur ökonomischen Kontraktion des industriellen Wachstums.
Die wunderbare Bildungs-, Erziehungs-, Freizeit- und Betreuungsgesellschaft konnte nur durch eine dramatisch wachsende Staatsverschuldung eine Zeit lang über Wasser gehalten werden, bis die US - Finanzkrise die grüne Illusion platzten ließ.
Von den einstigen Versprechungen von
Claudia Roth, Renate Künast, Jürgen Trittin oder Cem Özdemir
für die neue Welt einer progressiven Tertiarisierung als ökologische Bildungs-, Kultur-, Betreuungs- und Freizeitgesellschaft ist nichts übrig geblieben.
Stattdessen wird nun die
Elends - Tertiarisierung
der Dritten Welt zum neuen Grün - Modell für Deutschland mutieren.
Der womöglich volksschädliche Traum von
Bündnis 90 / Die Grünen
von einer planetarische High - Tech - Gesellschaft von wenigen Finanzkapitalisten und transnationalen Managern einerseits und Millionen von Wachdienstlern, Dienstmädchen, Chauffeuren, Kammerdienern, Zofen, Pagen, Gärtnern und Hausknechten andererseits, sollte demnächst mit den Stimmzetteln der Bürger zum Platzen gebracht werden.
Denn noch herrscht in Deutschland bedingt durch die Leiharbeit „nur“ eine besonders perfide Art von Lohnsklaverei.
Das historische Desaster der Tertiarisierung mahnt alle Bürger und Volksvertreter das tabuisierte Thema aufzugreifen und in den deutschen Mittelstand Vertrauen zu investieren, der noch immer der Garant für sichere Langzeitarbeitsplätze ist.
Denjenigen aber, die als Manager oder Kapitaleigner deutsche Arbeitsplätze vernichten und Industrieanlagen in Billiglohnländer verlegen möchten, sollte sofort die
„ROTE - KARTE“
gezeigt werden.
Die Umschichtung der menschlichen Ressourcen in den tertiären Sektor ist kapitalistisch weder sinnvoll und auch nicht nutzmehrend für die Bürger darzustellen.
Deutschland liefert den praktischen Beweis dafür.
Deshalb existiert eine beachtliche Nachfrage nach sicheren Langzeitarbeitsplätzen, die die Lebensbedingungen der deutschen Bevölkerung auch in Zukunft absichern können.
DRSB
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